Hüter von Tradition und Gemeinschaft

In vielen Regionen Kameruns nimmt der Dorfchef – häufig „Sa Majesté“ genannt – eine Schlüsselrolle im Leben der Dorfgemeinschaft ein. Er ist nicht nur Repräsentant, sondern zugleich Richter, Vermittler und kulturelles Oberhaupt. Seine Position verbindet jahrhundertealte Traditionen mit den Anforderungen einer sich wandelnden Gesellschaft. Für die Menschen im Dorf ist er Vertrauensperson und Autorität zugleich.

Das Amt wird meist innerhalb bestimmter Familien weitergegeben oder durch den Rat der Ältesten bestätigt. Der Dorfchef wacht über Landrechte, Rituale und soziale Ordnung. Kommt es zu Streit über Felder, Erbschaften oder familiäre Konflikte, ist er die erste Instanz. Seine Macht beruht weniger auf geschriebenem Recht als auf Anerkennung, Erfahrung und moralischer Integrität.

Vermittler zwischen Staat und Dorf

Mit der Modernisierung Kameruns hat sich auch die Rolle des Dorfchefs verändert. Heute fungiert er als Schnittstelle zwischen Dorfbewohnern und Verwaltung und vertritt die Interessen seines Dorfes gegenüber Behörden. Trotz Urbanisierung und gesellschaftlichem Wandel bleibt seine Funktion zentral: Er stiftet Identität, vermittelt Sicherheit und gibt Orientierung.

Der Dorfchef hört die Sorgen und Wünsche, schlichtet Konflikte und fördert den Zusammenhalt.

Treffen mit unserem Dorfchef in Nkolmelen

„Wir versuchen, Konflikte dort zu lösen, wo sie entstehen.“

In Gehdistanz der Anlage des Projektes «L’eau c’est la vie» befindet sich das kleine Dorf Nkolmelen. Dort haben wir den lokalen Dorfchef, Sa Majesté Abe Max Walter, getroffen und mit ihm über seine Aufgaben und Herausforderungen gesprochen.

 

Was sind Ihre wichtigsten Aufgaben als Dorfchef?

Meine wichtigste Aufgabe ist das Wohlergehen der Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner. Wir verstehen uns als Gemeinschaft, deshalb ist es wichtig, Probleme möglichst niedrigschwellig und rasch zu lösen – ohne sofort ein Gericht in der Stadt einzuschalten. Ich unterstütze bei Erbfragen, bei Angelegenheiten rund um Land und Territorium sowie bei Streitigkeiten innerhalb von Familien. Ziel ist es, Lösungen zu finden, mit denen alle Beteiligten leben können.

 

Mit welchen Problemen werden Sie am häufigsten konfrontiert?

Sehr oft geht es um Land: um Grenzverläufe oder Besitzansprüche. Ebenso häufig sind familiäre Konflikte, etwa bei Trennungen oder wenn Vertrauen in einer Partnerschaft missbraucht wurde. Vor allem bei jüngeren Menschen spielen auch Alkohol und die daraus entstehende Gewalt eine Rolle. In solchen Fällen werde ich gerufen, um zu vermitteln und zu beruhigen.

 

Wie sind Sie Dorfchef geworden?

Das Amt des Dorfchefs bleibt traditionell in der Familie. Gleichzeitig ist es eine Funktion, die vom kamerunischen Staat anerkannt und begleitet wird. Wir werden deshalb regelmässig zu Weiterbildungen eingeladen, bei denen unsere Aufgaben und Kompetenzen besprochen werden.

 

Gibt es ein Ritual, mit dem ein Konflikt offiziell abgeschlossen wird?

Ja. Wenn sich die streitenden Parteien geeinigt haben, trinken wir gemeinsam ein Glas und umarmen uns. Das zeigt: Der Streit ist beendet und die Gemeinschaft wiederhergestellt.